Freiburg. Noch bis vor Kurzem waren die atemberaubenden Flugkünste der Mauersegler zu bewundern, bevor sie in Richtung Winterquartiere nach Süden abgezogen sind. Doch für den weit verbreiteten Sommervogel wird in Deutschland der Wohnraum zunehmend rar. Neubauten und fassadensanierte Häuser bieten den Seglern keine Spalten oder Hohlräume unterm Dach, welche die Flugakrobaten für ihre Nester benötigen.
Architektur und Artenschutz
Das Erzbistum Freiburg zeigt nun mit einem Pilotprojekt, dass energetische Sanierung, zeitgemäße Architektur und Artenschutz zusammenpassen. Bei der Dachsanierung der Sankt-Gallus-Kirche in Hugstetten bei Freiburg dachten die Planer von Anfang an den Vogel- und Fledermausschutz mit. Ein Testlauf, der Erkenntnisse für kommende Projekte nicht nur im Südwesten erbringen soll.
Das Dach der 1961 erbauten Gallus-Kirche war einsturzgefährdet und musste ersetzt werden. Die Architekten entwarfen ein helles Holzdach. Durch die neue Konstruktion entstand an den Außenwänden der Kirche ein etwa 50 Zentimeter hoher Freiraum. Entlang des gesamten, 30 Meter langen Kirchenschiffs.
Nistkästen-Reihenhaussiedlung
Statt den neuen Fassadenstreifen unter dem Dachüberstand nur zu verschließen, entwickelten die Architekten das Konzept für ein "Artenschutzband", lange Reihen von Nisthilfen für Mauersegler, Meisen und andere Höhlenbrüter sowie Fledermäuse. "Im Prinzip eine Reihenhaussiedlung für Vögel und Fledermäuse", sagt der Leiter der Bistums-Umweltabteilung, Reinhold John.
Ausgangspunkt waren die Kartierungen der Biologin Elena Ballenthien, die rund um die Kirche vorkommende Tierarten bestimmte und Ideen entwickelte, welche Arten hier künftig heimisch werden könnten.
"Die ersten Fledermäuse, zum Beispiel Zwergfledermäuse oder Kleinabendsegler, könnten schon in den nächsten Monaten die Spalten und Kästen beziehen", sagt Ballenthien. Danach könnten Gruppen von weiblichen Tieren die Kästen zur Fortpflanzung, für ihre Wochenstuben, annehmen. "Das kann allerdings auch einige Jahre dauern. Man darf sich da bloß nicht zu schnell entmutigen lassen", sagt die Fledermausexpertin.
Treue Fledermäuse
Wenn die Flugsäugetiere einmal ein Quartier entdeckt haben, und Kirchen und Kirchtürme sind häufig sehr gut geeignet, sind Fledermäuse oft sehr treu. Standorte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte.
Schon jetzt nisten auf dem Kirchturm mit dem markanten Ziffernblatt regelmäßig Störche, im Kirchturm leben Schleiereulen und am benachbarten Pfarrhaus nutzt ein Turmfalkenpaar einen großen Greifvogelkasten.
Meise, Haussperling, Dohle
"Unsere Reihenhaus-Nistkastensiedlung bietet ideale Bedingungen für Koloniebrüter wie die Mauersegler. Spezielle Nisthilfen gibt es auch für Meisen, Sperlinge, Dohlen und Hausrotschwänze", sagt Architekt Alexander Steger. Vielleicht wird sich sogar der in Deutschland sehr seltene, in der Region Freiburg mit wenigen Kolonien vertretene Alpensegler sehen lassen.
Die ersten Nistkästen sind eingebaut, bis Ende September soll das Projekt abgeschlossen sein. Auf rund 120 laufenden Meter entlang des Hauptschiffs und auch am Chor der Kirche werden so Dutzende Nistkästen für Hunderte Vögel und Fledermäuse entstehen. Inklusive präzise montierter Kotbretter, die Dreck auf Fassade oder Kirchenfenstern verhindern.
20.000 Euro für Artenschutzband
Die Mehrkosten für den Artenschutz halten sich dabei in überschaubarem Rahmen. "Wir hätten den neuen Fassadenteil ohnehin verputzen oder mit Holz verkleiden müssen. Jetzt übernehmen die Nisthilfen diese Funktion. Planung und Bau sind etwa 20.000 Euro teurer als die einfache Verkleidung", sagt der Finanzchef der Pfarrei, Philipp Hirzle. Der Gesamtetat für die Sanierung inklusive 100-Kilowattpeak-Photovoltaik-Anlage auf dem neuen Kirchendach lag bei rund 850.000 Euro.
Die Biologin Ballenthien hat vorgeschlagen, in einem weiteren Schritt den Kirchturm fledermausfreundlicher zu gestalten. "Dazu braucht es oft nicht viel: Einfluglöcher, an denen sich die Tiere nicht verletzen können - und einige Hohlblocksteine oder Nischen, in die sich die Tiere gerne hängen." Zielarten wären etwa die vielerorts selten gewordenen Braunen oder Grauen Langohren.
"Nicht entmutigen lassen"
Die jetzt in Hugstetten gewonnenen Erfahrungen sollen nun auch in künftige Kirchensanierungen einfließen. In der Region und darüber hinaus. Die Umweltabteilung des Bistums tauscht sich auch bundesweit aus und wird das Projekt vorstellen.
"Kirche kann und muss zur Bewahrung der Schöpfung beitragen", sagt Architekt Steger. "Und wir dürfen uns auch von den bei solchen Projekten immer wieder auftauchenden Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen. Denn sonst werden wir die Krisen von Klimawandel und Artensterben nicht bewältigen können."
(Volker Hasenauer, KNA)
